Rede von Katja Kipping zur Eröffnung der Konferenz „Ohne Frauen ist kein Programm zu machen“ am 03. Oktober 2008
Liebe Frauen!
Die Frauenbewegung hat im letzten Jahrhundert vieles erkämpft in punkto bürgerlicher sowie sozialer Rechte und sexueller Befreiung. Man denke nur an das Frauenwahlrecht, welches vor 90 Jahren eingeführt wurde, an Regelungen zum Mutterschutz oder an die Kämpfe zur Legalisierung von Abtreibung. All diese kleinen Fortschritte wurden uns Frauen nicht geschenkt, sondern mussten hart erkämpft werden. Bei aller Freude über Erreichtes gibt es keinen Grund sich zurückzulehnen. Denn die Kräfte, die auf Rückwärtsrollen hinarbeiten, schlafen nicht. Davon zeugen die Vorstöße zur Verschärfung des Abtreibungsrechts. Die Prekarisierung der Arbeitswelt trifft Frauen besonders. Eine Sozialpolitik, die auf finanzielle Sippenhaft setzt, wie die Bedarfsgemeinschaft, bringt Frauen besonders in Abhängigkeit von ihren Partner. Und der Ausbau des Überwachungsstaates ist auch ein Angriff auf die Freiheitsrechte von Frauen. In allen drei Bereichen, den bürgerlichen Rechten, den sozialen Rechten sowie der sexuellen Befreiung, drohen ergo Rückschritte. Dies bringt mich zu meiner ersten von fünf Thesen, die ich heute zur Eröffnung unterbreiten möchte:
1. These: Feministische Programmatik darf sich nicht in der Forderung nach gleichem Lohn für alle erschöpfen, sondern muss sich allen Formen geschlechtsspezifischen Diskriminierung stellen – und das in aller Radikalität.
Eine Verkürzung feministischer Programmatik auf die richtige Forderung nach gleichen Lohn wäre schon deswegen katastrophal, weil – wie Frigga Haugg so treffend schriebt – Geschlechterverhältnisse immer auch Produktionsverhältnisse sind. Die Produktionsverhältnisse sind also eine Wurzel der Frauenunterdrückung. Aber sie sind wahrlich nicht die einzige. Ich meine, Geschlechterstereotypen und Rollenklischees sind ebenso verantwortlich für Frauendiskriminierung.
2. These: Feministische Programmatik muss sich der freiheitsberaubenden Wirkung der Rollenklischees stellen.
Diese Muster haben sich über die Jahrhunderte tief in unser kollektives Bewusstsein und vor allem in unser Unterbewusstsein eingeschrieben. Sie kommen meist sehr subtil daher, sind aber extrem wirkungsmächtig und haben eine freiheitsberaubende Wirkung. Zu den Rollenklischees gehört zum einen, dass Frauen eher die Sphäre des Häuslichen und Männern eher die Sphäre des Öffentlichen zugewiesen wird. Zu den gängigen Geschlechterklischees, die eine wirkliche Gleichstellung immer noch gewaltig behindern, gehört außerdem eine unbewusste Kompetenzzuschreibung. Diese passiert meist unbewusst und affektiv. Selbst FeministInnen sind davor nicht immer gefeit. Das kann jeder an sich selbst beobachten. Stellen wir uns einfach mal ein Streitgespräch zwischen einer Frau und einem Mann, in dem beide unterschiedliche Fakten behaupten: er mit einer eher tieferen, gesetzten Stimme, sie mit einer höheren, schrilleren Stimme. Wem wird man wohl glauben? Wem mehr Kompetenz zuschreiben? Unser unterschwelliges Verständnis von Autorität ist leider doch stark mit Männlichkeit verbunden. Solche unbewussten Zuschreibungen machen Frauen das Leben in der Politik alles andere als leicht.
Um mal ein aktuelles Beispiel zu nennen: Eigentlich müsste Andrea Ypsilanti, die Hoffnungsträgerin der SPD sein. Sie hat die hessische SPD zu einen historisch guten Wahlergebnis geführt. Sie hat – schon bevor es in der SPD wieder Mode war, sich sozialer zu geben – den Kurs des Sozialabbaus kritisiert. Doch das Bild, das in den Medien von ihr vermittelt wird, trägt andere Züge. Hier empfiehlt sich ein kleines Experiment: Jeder bzw. jede frage sich einmal ganz spontan, wie die erste Assoziation lautet, wenn der Name Andrea Ypsilanti fällt? Denkt man an ein gutes Wahlergebnis, an ihre Kritik an der Agenda 2010 oder zuerst an Chaos? Meine und nicht nur meine Beobachtung [1] ist, dass sie von den Medien inzwischen vor allem als eine Frau dargestellt wird, die Chaos auslöst. Dabei gäbe es gute Gründe, für einen anderen Fokus. Doch dies findet in Presseberichten kaum noch Beachtung, vielmehr wird sie von den Macho-Journalisten in der BRD als Chaosverursacherin inszeniert. Ein trauriges Lehrstück in punkto Emanzipation.
Oder um ein zweites Beispiel zu nennen: Hillary Clinton. Die Befragungen von Wählern zu Hillary Clinton waren eine wahre Fundgrube für Belege, wie tief die Rollenklischees noch verankert sind. „Der Tonfall in der letzten Talkshow, den haben alle Ehemänner schon mal gehört. Das ist der Tonfall, den die eigene Ehefrau anschlägt, wenn sie fragt: „Und deine Eltern wollen also wirklich das ganze Wochenende über bleiben? Dies möchte man nicht wirklich auch noch an der Spitze des Landes haben.“ Solange allein der Klang der Stimme an die eigene Ehefrau erinnert und man der eigenen Frau offensichtlich zwar zumutet, den Haushalt zu schmeißen aber nicht zutraut, die Geschäfte des Landes zu leiten, solange ist es noch ein weiter Weg für die Gleichstellung von Frauen. Nun gäbe es an Hillary wahrlich viel inhaltlich zu kritisieren. Aber es ist schon auffällig, dass die O-Töne sich vor allem um den Klang ihrer Stimme drehen. Solange diese affektiven Zuschreibungen von Kompetenz tief in unserem kollektiven Unterbewusstsein verankert sind, ist wirkliche Gleichstellung kaum machbar. Diese aufzulösen ist eine wahre Herausforderung.
3. These: Feministische Programmatik braucht einen neuen Blick auf Arbeit
In dem feministischen Schlüsselwerk „Das andere Geschlecht“ schreibt Simone de Beauvoir: „Doch die bürgerlichen Freiheiten bleiben abstrakt, solange sie nicht mit einer ökonomischen Unabhängigkeit einhergehen. … Durch die Arbeit hat die Frau einen großen Teil der Distanz, die zwischen ihr und dem männlichen Geschlecht lag überwunden.“ Jahrzehntelang haben Frauen aus dieser Erkenntnis eine heilsbringende Erwartung an Erwerbsarbeit abgeleitet. Dies hat sich auch auf Debatten über die Abschaffung aller Sanktionen für Erwerbslose, in Debatten um die komplette Abschaffung des Zwanges zur Arbeit niedergeschlagen. In solchen Debatten hat die eine oder andere gelegentlich durchblicken lassen, dass aus Angst vor der Herdprämie frau im Zweifelsfall auch in Kauf nimmt, andere Frauen zur Emanzipation via Erwerbsarbeit zu zwingen. Aber erzwungene Befreiung und alle Versuche, Frauen zu ihrem Glück zu zwingen, sind zum Scheitern verurteilt. Ich persönlich halte es hier mit der Leitidee von Peter Weiss Romanepos „Ästhetik des Widerstandes“. Die da heißt: „Wenn wir uns nicht selbst befreien bleibt es für uns ohne Folgen.“
Zudem lohnt es bei Simone de Beauvoir weiter zu lesen. In dem Kapitel „Auf dem Weg zur Befreiung“ heißt es nämlich wenige Zeilen später: „Man darf jedoch nicht glauben, das bloße Nebeneinander von Wahlrecht und Beruf wäre bereits eine vollkommene Befreiung: die heutige Arbeit ist nicht Freiheit. […] Derzeit sind aber die meisten Arbeiter Ausgebeutete.“ So wichtig die ökonomische Unabhängigkeit der Frau ist, so wenig darf diese Forderung in einer Verherrlichung der entfremdeten Lohnarbeit im Kapitalismus münden. FeministInnen sind also gefragt, eine gründliche Auseinandersetzung um den Begriff Arbeit – ganz im Sinne der „Vier-in-einem-Perspektive“ von Frigga Haug voranzubringen. Eine solche Perspektive sollte auf einem entschiedenen NEIN zu allen Formen von Sanktionen basieren. In der Bundestagsfraktion gibt es diesbezüglich noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.
4. These: Mehr Erwerbsarbeit für Frauen und mehr Reproduktionsarbeit für Männer sind zwei Seiten derselben Medaille
Linke Politiker kämpfen gern um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen. Wenn es aber darum geht, dass mehr Haus- und Erziehungsarbeit von den Männern übernommen werden muss, wird es allerdings auffällig still. Ich meine, wir brauchen eine komplette Umverteilung: Männer müssen prestigeträchtige Erwerbsarbeit an Frauen abgeben und im Gegenzug mehr Reproduktionsarbeit übernehmen. Caren Lay und Ulrike Zerhau haben in ihrem Beitrag zur Programmdiskussion aus feministischer Sicht, diesem Umstand in sehr verständlicher Form auf den Punkt gebracht: Wir erwarten, dass im Durchschnitt jede zweite Windel von den Vätern gewechselt wird.
Gelegentlich höre ich den Einwand, die ungerechte Verteilung der Erziehungsarbeit sei ein Problem von gestern, Vereinbarkeit sei heute Standard. Da wird schon mal auf die Brigitte-Umfrage „Auf dem Sprung“ über das neue Selbstbewusstsein der Frauen verwiesen. Dieser Umfrage zufolge wollen 80 Prozent Familie und Beruf vereinbaren. Doch leider klaffen auch hier Wunsch und Wirklichkeit auseinander. Die Zahlen des aktuellen Arbeitsberichtes der Bundesregierung sprechen da eine klare Sprache: Rund zwei Drittel aller Mütter mit Kindern unter drei Jahren sind überhaupt nicht erwerbstätig. Das ändert sich zwar mit zunehmendem Alter der Kinder etwas. Aber selbst wenn die Kinder sechs Jahre und älter sind, ist im Durchschnitt jede dritte Mutter komplett nicht erwerbstätig. [2]
In einem Artikel von Christoph Spehr zum Verhältnis von Kultur und Politik für die nächste Ausgabe des Magazins prager frühling stieß ich auf eine Beobachtung, die mich nachdenklich gestimmt hat. Spehr schreibt da:
„Und noch eine weitere Gemeinsamkeit gibt es. Am Anfang der künstlerischen Revolution stehen kollektive Szenen, in denen Frauen eine mindestens so gewichtige Rolle spielen wie Männer. Mit dem Durchbruch zum neuen Mainstream treten die Männer ins Rampenlicht, die kollektiven Strukturen zerbrechen, und die Frauen setzen sich ab und gehen ihrer eigenen Wege, wenn sie nicht unter die Räder kommen und zerbrechen wollen.“
Christoph Spehr zieht daraus folgende Schlussfolgerung:
„Diejenigen, die „verletzbaren“ Gruppen angehören (Frauen, MigrantInnen, Menschen ohne bürgerlichen Hintergrund und Vernetzung) tun gut daran, das kreative Klima und die kollektiven Strukturen zu nutzen, sich aber sehr rechtzeitig auf sich selbst zu besinnen und sich um ihre Unabhängigkeit auch von den Szenen zu kümmern, denn der revolutionäre Aufbruch wird erstens nicht von Dauer sein und zweitens seine patriarchal-autoritären Züge eher deutlicher entwickeln als abbauen, je mehr er Erfolg hat.“
Und dies bringt mich zu meiner letzten These:
5. These: Feministische Programmatik bleibt zahnlos, wenn sie nicht verbunden wird mit einem Kampf um antipatriarchale Praxis innerhalb der Linken.
Hier haben wir noch einiges vor uns:
Noch wird in unseren Pogrammdiskussionen die Geschlechterfrage als Nebensatzfeminismus abgehandelt. Noch bedienen führende Politiker in ihren sprachlichen Bildern die überkommenen Rollenklischees. Noch mangelt es in unseren zentralen Kampagnen wie der Rentenkampagne an einer feministische Sichtweise. Noch kritisieren die meisten Linkspolitiker in Talkshows Hartz IV immer nur aus der Sicht des Facharbeiters und nie aus Sicht der erwerbslosen Frau, die wegen der Bedarfsgemeinschaft ihren Mann um Taschengeld bitten muss. Noch wird die Abschaffung des Ehegattensplittings nicht als ebenso zentrale Forderung für eine Kooperation mit der SPD genannt wird, wie die Verlängerung des Arbeitslosengeldes I. Noch wird in unseren eigenen Diskussionen Männern unterschwellig mehr Kompetenz zugetraut wird als Frauen. Noch ist die Strömungsdisziplin in unserer Partei größer als das Wir-Gefühl zwischen den Frauen. Noch klären infolgedessen in unserer Partei Männerbünde die zentralen Machtfragen unter sich.
Liebe Frauen, ihr seht, der Kampf um eine feministische Praxis der Linken hat noch viele Widerstände zu überwinden. Simone de Beauvoir schrieb einst „Wir werden uns also von der Vielzahl und Heftigkeit der Angriffe gegen die Frauen nicht einschüchtern lassen.“ Liebe Frauen, nehmen wir uns das zu Herzen. Auch dank der Kämpfe der Frauenbewegung haben wir Frauen inzwischen mehr zu verlieren als unsere Ketten. Doch den Kampf darum aufzunehmen, die Ketten des Patriarchats abzuwerfen, lohnt mehr denn je, denn wir haben immer noch eine Welt zu gewinnen. Packen wir es an!
Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu: Ingrid Kurz-Scherf: Gravierende Fehleinschätzung, in: tageszeitung vom 14.03.2008.
[2] Siehe dazu: Unterrichtung durch die Bundesregierung: Lebenslagen in Deutschland – Dritter Armuts- und Reichtumsbericht, zugeleitet am 30.06.2008, Bundestagsdrucksache 16/9915, S. 79.
Die Rede von Katja Kipping findet sich als PDF zum Download an Ende dieser Seite.
| Anhang | Größe |
|---|---|
| 09-08_Eroeffnung_Frauenkonferenz.pdf | 29.16 KB |









