Neues Deutschland zur Ema.Li-Konferenz:

Mehr als die Summe der einzelnen Teile

Die Ema.Li-Konferenz in Berlin auf der Suche nach den Wurzeln der neuen Linken

Von Tom Strohschneider, Neues Deutschland Printausgabe, 16.10.2006

Am Samstag traf sich in Berlin die Emanzipatorische Linke Ema.Li zum Gedankenaustausch. Eine der Fragen, der die Konferenz nachging, war die nach der Tradition der neuen Linken.

Für die Linke heute ist es selbstverständlich, sich auf einen ebenso dicken wie bunten Srauß von Traditionen zu beziehen. Kommunisten und demokratische Sozialisten, 68er und Gewerkschafter, Bebel und Bernstein – wo immer ein Hinweis auf das politische Erbe nicht fehlen darf, steht eng beisammen, was einst getrennte Wege ging. Pluralismus heißt die Lehre aus weltanschaulicher Besserwisserei und linker Spaltungssehnsucht früherer Jahre.

Auch die Emanzipatorische Linke, die zum Come Together nach Berlin geladen hatte, will eine Linkspartei, die „die Pluralität ihrer Ansätze und Traditionen“ anerkennt. Die Forderung, etwas anzuerkennen, resultiert meist aus der Erfahrung, dass dies bisher nicht ausreichend geschehen ist. Und so war es weder Zufall, dass sich ein Podium gleich zu Beginn den „Quellen emanzipatorischer Politik“ widmete. Noch, dass dies unter der deutlichen Überschrift „Wider der Verengung linker Traditionen“ geschah. Eine neue Linke, die mehr sein will als die Summe ausWASG und PDS, sucht sich ihre Wurzeln nicht nur in der Arbeiterbewegung.

Wobei schon „die Arbeiterbewegung“ eine Imagination ist, wie der Historiker Klaus Kinner anhand der 20er Jahre zeigte. Zwischen der bolschewistischen-avantgardistischen Strömung eines Stalin und der linkssozialistischen-demokratischen Fraktion einer Rosa Luxemburg gab es bald schon mehr als einen bloß theoretischen Graben. Dass sich die eine gegenüber der anderen Strömung durchgesetzt hat, so Kinner, beantwortet noch nicht die Frage nach dem Unabgegoltenen Kommunismus, den man nicht pauschal mit dem Stalinismus verwechseln dürfe. Was deshalb wichtig ist, weil zum Erbe auch gehört, was ausdrücklich nicht dazu gezählt wird.

Während diese Tradition(en) der Arbeiterbewegung vor allem im ostdeutschen PDS-Spektrum interessieren, knüpft man in der WASG vielfach woanders an. Hier spielen radikal- und basisdemokratische Bezüge eine große Rolle, sagt Marc Mulia vom WASG-Länderrat, aber auch die westdeutsche Gewerkschaftsbewegung, aus der viel Funktionäre und Mitglieder stammen. Bisher einte sie ebenso wenig (bzw. ebenso viel) wie Menschen aus den neuen sozialen Bewegungen und SPD-Dissidenten.

Ob aus den verschiedenen Erfahrungen durch Zusammenbringen etwas Neues entsteht, bleibt abzuwarten. Das zeigte nicht nur die Konferenz, sondern macht auch die aktuelle Programmdebatte deutlich: Ehemalige Hausbesetzer, Volkszählungsgegner und Autonome tun sich schwerer mit der Forderung nach einem starken (Sozial-)Staat als Sozialdemokraten, so Katina Schubert vom Linksparteivorstand. Und manche verstehen unter Freiheit bloß die wirtschaftsliberale Forderung nach mehr Markt - und erkennen nicht die Gemeinsamkeiten zwischen der Linken und dem politischen Liberalismus. Vom im Linksbündnis völlig ungeklärten Umgang mit „1968“, auf den Bernd Hüttner hinwies, gar nicht zu reden.

Wie schwierig es sein kann, durch bloße Aufzählung unterschiedlicher Wurzeln eine pluralistische, also „bessere“ Linke auszurufen, wird auch mit Blick auf die Frage des Patriarchats deutlich. Es haben in den 70er Jahren gute Gründe für die Trennung von Feminismus und sozialistischer Bewegung gegeben, erinnerte Lisa-Sprecherin Christina Reymann. Geändert habe sich daran bis heute nichts. Und solange die „Frauenfrage“, die eigentlich eine „Männerfrage“ sei, weiterhin von einer linken Mehrheit als bloßer Nebenwiderspruch begriffen werde, bestehe nach wie vor ein guter Grund zur Differenz.

Gräben wie dieser lassen sich kaum mit dem bloßen Hinweis auf den ebenso dicken wie bunten Strauß gemeinsamer Traditionen überbrücken.